Dienstag, 8. März 2011

Wann kommt der Wind?

Seit ich in Norwegen bin, lerne ich sehr viel übers Wetter. Nein, ich muss mich korrigieren. Seit ich im Herbst nach Norwegen zurückgekehrt bin. Zuvor, also vergangenen Sommer auf den Lofoten, war alles soweit ok.

Darum hier mal eine kleine Lehrstunde. Weil ich Zeit habe. Festsitze in meiner Hütte. Eine Ausgangssperre verhängt wurde. Nun aber mal ganz unjournalistisch der Reihe nach:

Im Herbst zügelte ich von den Lofoten nach Mosjøen. Ab Anfang November verbrachte ich viel Zeit auf dem Bauernhof einer Freundin. Dort lernte ich nicht nur Kälber zu tränken und Hundeschlitten zu fahren, sondern auch, dass die Norweger die Temperaturen im Winter ansagen wie im Sommer. Da gibts kein überflüssiges "Minus" mehr. «Wie ist die Temperatur heute?» «18 Grad». Ich: «Plus???» Darauf gabs nur einen kurzen Lacher zur Antwort. Wochenlang war das Quecksilber derart im Keller, dass man sparsam umgehen musste mit seinen Ressourcen. Da ist auch ein «minus» manchmal zu viel.

In dieser Zeit lernte ich, dass man sich an die Kälte gewöhnt, dass -18 viel kälter ist als -10 und dass einem die Hunde auch dann nicht fressen, wenn man besser verhüllt ist als eine Burkaträgerin.

Nun habe ich die norwegischen Hügel wieder gegen das Meer und Felsen eingetauscht. Und nun lerne ich alles über Wind. Für mich war bis anhin Wind Wind. Manchmal blästst mehr, manchmal weniger. Aber hier lerne ich nun die verschiedenen Ausdrücke und so. Bei den Wettermeldungen wird da nämlich sehr genau unterschieden.

Lektion 1: Kuling hat nichts mit Kälte zu tun. «kuling» heisst starker Wind. ups. Ja, das war gut, dass ich das mal gelernt habe. Also da blästs einem so mit 15m/s um die Ohren. Also so mit 54 km/h. Die Norweger mögen keine km/h. Glaub ich zumindest.

Lektion 2: Wenn steht «stiv kuling» passt man besser auf, dass draussen nicht zu viel rumsteht. Also ich hab ja nichts. Aber trotzdem. Auf unserem Gelände ist kürzlich eine Tür durch die Gegend geflogen.

Lektion 3: Die Fähre ist keine verlässliche Verbindung zum Festland. Sie fährt nämlich meistens nicht. «pga uvær. vi beklager». Wegen des Unwetters, tut uns leid, schreibt die Reederei jeweils. Also zwei Mal täglich. Ich hab mal den Newsletter abonniert, man will ja informiert sein.

Lektion 4: Auch Flüge kann man absagen. Am Tag bevor ich ankam, wurden 3 Flüge annulliert wegen des schlechten Wetters. Ich hatte Glück, nach einem Schüttelstart flogen wir straks über den Fjord und landeten sicher. Gäste aber haben wir diese Woche fast keine. Weil eben die Propellermaschinen nicht immer fliegen.

Lektion 5: Mietwagenverleiher checken die Wettervorhersage. Und bei mehr als stiv kuling bekommt man kein Auto mehr ausgeliehen. Da ich nun bis Freitag keine Arbeit habe, weil eben die Gäste nicht bis hierher kamen, wollte ich die Zeit sinnvoll nutzen. Mit einem Roadtrip in den Süden, wo ich bei meiner Freundin einen Husky holen wollte. Der soll nämlich den Sommer mit mir verbringen auf den Inseln. Aber eben: Keine Fähre und kein Auto. Dabei sind doch die Lofoten seit 2007 über Brücken und Tunnels mit dem Festland verbunden – es wäre nur rund 400 Kilometer Umweg gewesen. Jadännhaltnöd.

Lektion 6: Holländer lassen sich nicht von ein bisschen Wind beeindrucken. Also meine Scheffs. Die ja aus der holländischen Ebene kommen, die sind nicht sehr empathisch, wenn ich entsetzt erzähle, dass meine Hütte gewackelt hat die ganze Nacht. Ja gut. Dafür haben sie Angst vor den Bergen hinter dem Haus, hahahaha. 400 Meter – hui, was für ein Massiv! ;-)

Lektion 7: Bei «stiv kuling» und Regen muss man sich in Gore-Tex hüllen, um bis zur Tanke zu laufen. Habe ich heute gemacht, um Süssigkeiten und ein Heftli zu kaufen in der Hoffnung, es bessert die Laune. Mein Biervorrat neigt sich nämlich langsam dem Ende zu. Bleibt noch Zwetschgenwasser, Kirsch und Bündner Röteli. Nein, schlecht gehts mir nicht.

Lektion 8: Auch Einheimische sind des Sturmes müde. Das ist gut zu wissen. Einfach so. Sie merken jedoch den Unterschied. Der Mann von der Tanke sagt: «Uff, schon wieder kuling». Ich: «War mal nicht kuling, seit ich hier war???» Ja guet, ich muss ja noch das ein oder andere lernen.

Lektion 9: Wenn einem langweilig wird vor lauter Sturm, sollte man nicht fernsehen wollen. Das Signal ist nämlich schon lange weg. Zum Glück habe ich Internet, sage ich zu diesem Thema nur.

Lektion 10: Meteorologen kümmern sich um das Wohl der Bevölkerung. Da kommt nicht nach dem Sturm die Meldung, man solle drinnen bleiben. Nein, da heissts schon in der Vorhersage, dass man draussen nichts verloren hat. Åhja, sagt der Einheimische da. Uffffffffff, sage ich. Hausarrest auf den Lofoten. Wird ja immer besser.

Ja guet, ich hoffe, dass auch dieser Sturm nur einer im Wasserglas ist und irgendeinisch finds Glück eim, äh nei, geht auch der vorbei.

Bis dahin hoffe ich, dass der Strom nicht ausfällt, ich morgen schnell meinen Biervorrat auffüllen kann und mein Hüttli dem Ganzen trotzt.

Ahja, so fürs Protokoll: Für heute Abend ist «full storm»(100 km/h) angesagt, morgen früh dann «sterk storm» (108 km/h). Stärker wäre nur noch Orkan (120 km/h), aber der ist bis jetzt noch im Süden des Landes und ich hoffe, der bleibt dort auch.

Dienstag, 1. März 2011

Zurück auf den Lofoten...

Neues Jahr - neues Glück. Nja, vielleicht eher: Neues Jahr - mehr Disziplin ;-)
Nachdem ich diesen Blog in den vergangenen Monaten sehr vernachlässigt habe, gelobe ich Besserung.

Eine kurze Zusammenfassung meiner Aktivitäten: Ich war im Herbst Service-Pinguin und Barmaid in Mosjøen, habe dazwischen Schlittenhunde trainiert, war über Weihnachten auf einer 6-tägigen Hundeschlittentour und ab Mitte Januar in der Schweiz (habe dort im Kloster als Service-Pinguin gearbeitet) und nun, ja nun bin ich zurück auf der Insel. Auf einer anderen als letztes Jahr, aber wieder auf den Lofoten.

So. Hier, in Reine auf der Insel Moskenes, werde ich bis Ende September bleiben. Ich habe mir einen Job gesichert als Servierdüse (jaja, meine neue Leidenschaft, aber hier wenigstens nicht in Pinguin-Uniform) und Receptionistin. Wir vermieten rorbuer, das sind ehemalige Fischerhütten. Als die typischen roten Häuschen am Meer, die man in allen Prospekten sieht. 39 haben wir insgesamt und in der Hauptsaison sind die meisten bereits ausgebucht.

Seit drei Tagen bin ich hier und weil ich die erste Angestellte bin, die so früh beginnt, wohne ich nicht in der Pension. Nein, ich habe ganz edel mein eigenes rorbu für mich. Ja, edel geht der Mensch zugrunde. Naja, was soll ich sagen? Ich geniesse die zwei Monate in diesem wunderbaren Heim.

Hier auf den Lofoten liegt noch ziemlich viel Schnee und ich hoffe, es gibt noch mehr. In diesen Tagen war das Wetter stürmisch und mild. Die Fähre nach Bodø aufs Festland war öfters eingestellt, als dass sie ablegte. Der Wind lässt meine Hütte immer wieder zittern. Ich geniesse es, wieder mitten in der Natur zu leben. Wo sich die Berge aus dem Meer erheben, ständig Wind durch meine Haare streift und der Duft von frischem Fisch in der Nase liegt.

Meine bescheidene Hütte... ;-) 

Die Aussicht vom Stubenfenster.

Und das Ganze beim Eindunkeln.

Ansonsten hier zu geniessen. Ich wohne im Häuschen Nr. 3, Reinfjord...

Samstag, 28. August 2010

Mosjøen - ein Bijou in der Wildnis



Nach unserer schönen Fahrt (siehe letzten Eintrag) trafen wir gegen Mittag wir in Mosjøen ein. Der «Stadt mitten in Norwegen», der «grössten Kleinstadt Norwegens», der zwangsläufigen Wahlheimat Ragnas. Einer Stadt, über die ich von vielen Leuten viele Meinungen gehört habe. Einer, der von dort kommt, beschrieb mir die Stadt als «wunderschön», mit einer «Landschaft wie auf den Lofoten». Die Berge höher, der Fjord imposanter, so sagte er. Ragna hingegen sagte, die Leute seien langweilig, die Stadt kein Bijou, das Leben dort trist. So war ich also gespannt, als wir mit Stephanies altem, treuen Opel um den Fjord kurvten, bis diese Stadt endlich auftauchte am Horizont.


Auch bei einer Stadt zählt der erste Eindruck und Mosjøen empfing mich mit sommerlichen Temperaturen und Sonnenschein. Wir fuhren als erstes in die Zahnklinik, in der Ragna arbeitet, holten den Schlüssel für ihre Wohnung und legten uns dort in den Garten. Stephanie in den Schatten unter einen Baum, ich aufs Liegebett in die Sonne. Endlich, endlich, so dachte ich, hat mich der Sommer gefunden. Rund 100 Kilometer südlich des Polarkreises genoss ich die wärmenden Strahlen. Ragna, so bin ich der Meinung, hat es in eine schöne Kleinstadt verschlagen, ihre Wohnung liegt etwas ausserhalb am Hang mit schöner Sicht. Es ist eine Einliegerwohnung, gebaut im Keller, wegen der Hanglage aber durchaus hell und vor allem hat sie einen Gartensitzplatz und einen Garten zur Mitbenutzung. Mir also gefiel es sofort, nicht nur wegen der Sauna im Badezimmer.


Wo liegt Brügge?
Zusammen mit Ragna und Stephanie schlenderte ich dann durch die Sjøgata, den alten Kern Mosjøens. Kleine Holzhäuschen erinnern daran, dass die Stadt eine Handelsstadt war. Sie sind durchaus schmuck, erinnerten mich an Brügge, wobei ich noch gar nie in Brügge war. (Brügge liegt in Belgien und der wunderbare Film «In Bruges» oder auf Deutsch «Brügge sehen und sterben» spielt dort). Wir setzten uns in die Sonne in ein Café und wäre da nicht der Hausberg, der Mitte August am späten Nachmittag seinen Schatten wirft auf die Stadt, wäre es fast zu perfekt gewesen.


Unter den strengen Augen einer Zahnärztin trank ich ein Coci, über meinen lädierten Zahn hatte ich einen Kaugummi geklebt, das funktionierte als Provisorium ganz gut. Es wurde aber noch am selben Abend von Ragna ersetzt. Selbst ist die Zahnärztin, dachte sie sich und mischte den Zement, den sie brauchte, um die Krone wieder anzukleben, selbst zusammen. Es schien mir leicht abenteuerlich («wart, ich muen mal läse, wie ich das mache muen», doch bis zum heutigen Tag hält die Krone, auch wenn ich Ragnas Tipp, ein Caramel zu kauen, nicht befolgt habe. Mit einem Halter-Caramel, welches ich von Gästen geschenkt bekam, fing das Unheil eben an Anfang August. Die Krone löste sich, liess sich aber von mir ohne Mühe wieder andrücken. Bis sie eben nicht mehr wollte (beim zweiten Mal wars eine simple Lindor-Kugel, welche die Krone aus der Fassung haute).


Als wären Sommer, Sonne, eine hübsche Kleinstadt und eine geflickte Krone nicht genug, krönten wir den Tag mit dem besten Nachtessen: Raclette. Ragna hatte noch Käse im Tiefkühler und so sassen wir also in ihrem Garten, assen Raclette und freuten uns des Lebens. Mit einem Umtrunk im verschlafenen Zentrum der grössten Kleinstadt Norwegens verabschiedeten wir Stephanie, die am nächsten Tag Richtung Schweden aufbrechen sollte.


Irrfahrt durch die grösste Kleinstadt
Am nächsten Tag schien noch immer die Sonne und ich schwang mich auf Ragnas Velo, um die Stadt zu entdecken. Als erstes verfuhr ich mich, das ist nichts Neues, wenn ich in Norwegen unmotorisiert unterwegs bin. Und da wurde mir die Stadt richtig sympathisch: Ein Kaff mit 10 000 Einwohnern (man merke, dies ist die dreifache Einwohnerzahl von Leknes!!), in welchem man sich mit dem Velo verfahren kann - das gefällt! So fuhr ich dem Fluss Vefsna entlang, über die eine Brücke hin, über die nächste zurück. Betrachtete die Sjøgata vom andern Flussufer aus und war doch so ein bisschen entzückt. So schön wie die Lofoten fand ich die Stadt nicht, hässlich allerdings auch nicht. 

Nachdem ich das Stadtzentrum doch wieder gefunden hatte, startete ich zu einer ausgiebigen Shoppingtour, die rund zwanzig Minuten dauerte (ich brauchte dringend kurze Hosen, wohnt Ragna ja am Hang, was mir gutes Velo-Training aber auch viel Schweiss bescherte).
Zudem wollte sie mit mir auf den Hausberg steigen. 818 Meter über Meer ist der Gipfel des Øyfjells. Wo der Weg durchführte, wusste meine Fremdenführerin nicht so genau, und ob wir den Gipfel wirklich erreichen, dessen waren wir uns auch nicht so sicher. Auch wenn ich es nicht richtig glauben wollte, so verwies Ragna mehrmals darauf, dass es in ihrer Stadt dunkel werde. So hatte ich das erste Mal seit ich im Norden war wieder eine Zeitlimite beim Wandern.


Im Schatten stiegen wir über Geröllfelder auf, in der Hoffnung, nach dem ersten Aufstieg den Weg zu finden. Das gelang uns wider Erwarten auch und schon bald standen wir in der Sonne. Wir genossen die Aussicht aufs Kaff, diskutierten, ob es nun schön sei oder nicht und marschierten brav Richtung Gipfel. Nach gut dreieinhalb Stunden Aufstieg erreichten wir den Steinhaufen, sozusagen das norwegische Gipfelkreuz, und schrieben uns stolz ins Gipfelbuch ein. Nach dem obligaten Gipfelfoto assen wir einen Apfel und Toblerone und wenn man so zuoberst auf dem Øyfjell steht, merkt man erst, dass die Stadt wirklich mitten in der Wildnis liegt. Für mich schien es wie ein Wanderparadies, doch als Ragna erzählte, dass in den umliegenden Wäldern und Bergen öfter mal Bären anzutreffen sind, verliess mich die Sehnsucht, tagelang mit dem Zelt über die Hügel zu wandern. Vielleicht werden es eher Tagestouren...


Obwohl die Sonne auf dem Gipfel noch immer schien, machten wir uns an den Abstieg. Zurück über Trampfelpfade, quer übers Geröllfeld und runter in den Birkenwald. Zurück am Fluss, wo Ragnas Auto stand, genossen wir die Abendstimmung. Und ich war überzeugt: In Mosjøen lässt es sich leben.


Wie das Leben dort wirklich ist, werde ich herausfinden: Es ist nämlich meine nächste Station in Norwegen. Ragna fährt in die Ferien und Sarah siedelt um, hütet die Wohnung. Von der Stadt «mitten in den Lofoten» (Leknes) in die Stadt «mitten in Norwegen» (Mosjøen) zieht es mich.


Künftig werde ich also von südlich des Polarkreises berichten, doch noch immer werde ich in Nordnorwegen sein. Zumindest bis Ende Oktober, bis Ragna wiederkommt.

Die Sjøgata. Nein, viele Touristen gibts hier nicht.
Ah doch: Stephanie.

Ragna – Wahl- oder Zwangs-Mosjøenerin?

In Mosjøen findet man alles, was man braucht...


Ragnas Wohnung, meine Ferienbleibe.


«Byen midt i Norge» (man achte auf die Kilometerangaben bis zum Nordkap und nach Lindesnes).



Blick auf den Fluss Vefsna.
Romantikhotel am Wasser.
Blick auf die Sjøgata.
Auf dem Weg auf den Hausberg.
Ein erstes «Gipfelfoto», falls wir es nicht bis oben schaffen.

Mosjøen von oben.

Gipfelfoto 1.
Gipfelfoto 2.
Blick zu den «Sieben Schwestern», den Churfirsten Norwegens.
Wildnis und susch gar nüüt.

Auch im Tal ist die Abendstimmung schön.


Freitag, 27. August 2010

Road Trip to Mosjøen



Was macht man, wenn man frühmorgens eine Krone verliert? Genau: Man ruft den Zahnarzt an und vereinbart einen Termin. Und was macht man, wenn man auf den Lofoten eine Krone verliert? Man fährt 500 Kilometer nach Süden, um den Schaden reparieren zu lassen. Optimal ist, wenn sich eine Freundin gerade auf dem Nachhauseweg nach Deutschland befindet und man sich einfach nur ins Auto setzen kann. So geschehen Mitte August.

Stephanie, eine Norddeutsche, mit der ich mich diesen Sommer angefreundet habe, war gerade dabei, ihre Siebensachen zu packen und ihr Auto zu beladen, als ich sie anrief. Und kaum hatte ich ihr gesagt, dass ich eine Schweizer Zahnärztin, die in Mosjøen, einer Kleinstadt rund 500 Kilometer südlich der Lofoten, anrufen werde, um zu fragen, ob sie mir helfen könne, sagte Stephanie: Genau! Fahr mit mir nach Mosjøen!

Zwar führte ihre angedachte Reiseroute nicht dort vorbei, doch die Idee, mit mir 10 oder 12 Stunden im Auto zu sitzen und durch die nordnorwegische Landschaft zu donnern, war anscheinend so reizvoll, dass sie meinte, ich solle auf jeden Fall mit ihr gen Süden fahren, Zahnarzt hin oder her.

Ragna, die Schweizer Zahnärztin, hatte ich kennen gelernt, als sie zusammen mit einer Freundin im Juli über die Lofoten reiste und bei mir übernachtete. Ein Besuch bei ihr war für Ende August geplant, doch nun sollte alles anders kommen. Meine Idee, sie zu besuchen, fand sie nach wie vor gut. Und sie war auch sofort bereit, meine Krone provisorisch zu flicken.

Hit the road!
So packte nicht nur Stephanie an diesem Montag, sondern auch ich. Krone, Kamera und gute Musik, das waren die wichtigsten Reiseutensilien. Nachts um 9 fuhren wir in Moskenes auf die Fähre. Ich überdreht, freudig unseren road trip vor Augen, Stephanie leicht melancholisch, war es für sie doch der Abschied von ihren geliebten Lofoten.
Die Fähre war so pünktlich, wie norwegische Verkehrsmittel öfter sind. Nämlich gar nicht. So wurde uns ein Umtrunk in Bodø verwehrt und wir beschlossen angesichts der extrem zauberhaften Stimmung am Nachthimmel weiterzufahren. Port O'Brien sangen unser Lied und wir fuhren in Bodø an Land. Es war die erste einigermassen dunkle Nacht, seit ich in Norwegen war. Wir ignorierten Bodø so gut es ging, wunderten uns darüber, wie gross eine Stadt sein kann und fühlten uns erst wieder wie «im richtigen Norwegen», als die Gegend einsamer wurde. Im Nebel stand ein Elch neben der Strasse, Stephanie aber war so flott unterwegs, dass wir das Beweisfoto schuldig bleiben. Kurvenreich führte die Strasse der Küste entlang. Dort, wo wir in etwa Bodø vermuteten, leuchtete noch immer ein heller Streifen am Horizont. Die Nacht war trotz Ende der Mitternachtssonne noch hell genug, dass wir sehen konnten, in was für einer zauberhaften Landschaft wir uns bewegten.
Schon immer, so sagte Stephanie, wollte sie diese Strasse nach Süden fahren. Nicht die Hauptstrasse, die E6, nahmen wir, sondern die touristische Strecke, die uns an vielen schönen Flecken Norwegen vorbeiführen sollte. Vorbei an Seen, in denen sich die nächtlichen Berge spiegelten, vorbei an Siedlungen, die scheinbar irgendwo im Nirgendwo und ohne ersichtlichen Grund gebaut waren, vorbei am Svartisen-Gletscher, der ins Meer kalbt, fuhren wir durch unzählige Tunnels, über viele Brücken und kaum ein Auto begegnete uns.

Dank dieser Routenwahl durften wir insgesamt drei Mal auf eine Fähre fahren zwischen Bodø und Mosjøen. Morgens um vier strandeten wir beim ersten Fähranleger. Um 5.40 Uhr sollte der Fährmann uns über das Gewässer bringen und wir nutzten die Zeit, um im Wartehäuschen ein bisschen zu schlafen. Die Sonne lachte schon lange wieder über die Berge, als die Fähre pünktlich einlief. 10 Minuten dauerte die Überfahrt, wir waren die einzigen Passagiere und donnerten fröhlich weiter. Die Stimmung war gut, die Landschaft immer wieder anders, schön, Norwegen halt, und doch nicht so magisch wie die Lofoten, da waren wir uns schnell und für immer einig. Ich konnte, wollte nicht schlafen, zu sehr freute ich mich über diese Fahrt. Endlich etwas Abwechslung nach drei Monaten E10 von Å nach Svolvær und zurück.

Von Bratland nach Aas

Auf der zweiten Fähre, die um halb sieben, und nicht, wie Stephanie öfters wiederholte, um 8 fuhr, waren bereits mehr Leute anzutreffen. Nur die Lofotingerinnen Stephanie und Sarah waren noch nicht ganz wach und schlurften beim ersten Halt runter aufs Autodeck um festzustellen, dass dort, wo die Fähre gerade war, wir gar nicht von Bord wollten. Stephanies scharfsinniger Kommentar: «Wir sind auf der falschen Fähre. Ich hab ja gesagt, unsere Fähre fährt um 8!!»
Ganz so schlimm wars nicht, wir mussten einfach den zweiten und letzten Halt abwarten und schon konnten wir weiter über die Landstrasse gen Süden donnern. Unsere Kommentare, was die vorbeiziehende Landschaft betraf, reichten von «schön hier» über «ganz zauberhaft» bis zu «an die Lofoten kommts nicht ran». Und immer dieselbe Frage: «Warum gibt es hier Besiedelung?»

Kurz bevor Stephanie in den Schlaf fiel, wechselten wir die Plätze und ich übernahm das rote Fluggefährt. Stephanie nickte irgendwann weg, wachte auch nicht auf, als ich auf der Passhöhe für einen Fotistopp hielt und auf der dritten Fähre meinte sie nur: «Ich bleibe im Auto und schlafe.» Ja gut, dachte ich, ging aufs Oberdeck und genoss den warmen(!!) Wind. Der Sommer hatte mich gefunden. Endlich. Die gute Laune wollte mich nicht mehr verlassen. Wir waren auch dieses Mal auf der richtigen Fähre und schon bald wieder war Land in Sicht. Ich hatte so orientierungsmässig schon lange keine Ahnung mehr, wo ich eigentlich bin. Doch die Musik stimmte noch immer, das Wetter auch, also legte ich den ersten Gang ein, und fuhr frohen Gemüts von der Fähre.

Bald schon näherten wir uns dem Fjord, an welchem auch unser Ziel, Mosjøen, liegt. Eine Tafel mit der Aufschrift «store elgfare» warnte uns vor den grossen staksigen Tieren, die zu dieser Tageszeit gar keine Gefahr darstellten, weil nicht mal ansatzweise sichtbar. Die Strasse war einmal mehr schmal und kurvenreich. Ich wünschte mir meinen Töff unter den Hintern, zu schön wäre es, mit meiner Bayrischen Gummikuh dem Fjord entlang zu flitzen. Die Sonne glitzerte auf dem Wasser und wir näherten uns unweigerlich dem Ziel unserer Reise. Kurz vor Mittag tauchte dann das Ortsschild auf. Wir fuhren durch das Zentrum der «grössten Kleinstadt Norwegens» zu Ragnas Zahnklinik. Und dann, ja dann legten wir uns als erstes in ihren Garten. Stephanie unter einen Baum in den Schatten, ich auf dem Liegebett in die Sonne. Der Sommer hatte mich wirklich gefunden. In Mosjøen. Wer hätte das gedacht.


Lesen Sie morgen die Fortsetzung: Zahnarzttermin, Stadtspaziergang und Eintrag ins Gipfelbuch


Und hier einige Eindrücke:


Abschied von den Lofoten: Die Wolken brennen über Moskenes.




Unsere Reiseroute: Fähre nach Bodø, dann die Küstenstrasse nach Mosjøen.


Wunderschöne nächtliche Stimmung...


...


Die Fähre fährt öfter als man denkt. Auch um 8 Uhr.



Unser treuer Opel morgens um 4 Uhr. Ja, wir waren dann die einzigen Passagiere auf der ersten Fähre.



Ein kurzes Nickerchen im Wartsaal...



...und schon kommt ein Schiff gefahren.



Um 5:50 Uhr.



Die Sonne scheint schon wieder über den Bergen.


Zweite Fähre. Auch nicht um 8 Uhr, sondern um 6:20 Uhr.



Nickerchen 2.



Norwegische Strassen: Hauptsache schmal.



Besiedelung.


Und noch mehr Besiedelung.



Die Aussicht, die Stephanie verschlafen hat. Ja, der Schatten bin ich.

Genau: Verschlafen.

Ein Bijou: Mosjøen.



Dienstag, 27. Juli 2010

Sarah entdeckt das Meer

Seit 10 Wochen lebe ich nun auf der Insel. Umspült vom Wasser des Vestfjords und des atlantischen Ozeans. Kein Wunder also, dass ich früher oder später auf einem Fischerboot landete. Es war nur ein kleines Fischerboot mit einem Aussenbordermotor. Die besten Jahre hatte es sicher schon hinter sich, zumindest die ästhetisch besten. Doch tapfer fuhr es langsam über den Fjord. Unter dem Kiel nicht nur eine Handbreit, sondern klares Wasser des Skjelfords. Muschelfjord zu Deutsch und wenn man auf den weissen Sanduntergrund schaut und die vielen Muscheln und Seesterne sieht, ist auch klar, warum.

Unser Ziel: Fischen. Die Zutaten: Silch mit Haken, ein Eimer, Schokolade für die Nerven und die gute Laune und viel Zeit. Mit dabei: Stephanie, Peter und ich. Stephanie und Peter sind zwei deutsche Reiseleiter-Kollegen, wobei Peter seit drei Jahren ein Haus auf den Lofoten besitzt, welches er aber nur im Sommer bewohnt. Ihm gehört also auch das kleine Boot und er wusste auch, wo sich denn die guten Fanggründe befanden. Mit der Sicherheit eines Kapitäns steuerte er die erste Bucht an, wo wir unser Glück versuchen wollten. Ich erhielt die ersten Instruktionen: Den Silch mit den Haken von der Rolle lassen bis der Haken auf dem Grund ist, dann wieder etwa einen Meter hochziehen und warten. Den Silch immer leicht bewegen, also hochziehen und wieder runterlassen. Wenns zappelt: Ziehen!

Keine fünf Minuten vergingen, bis Peter den ersten Fisch an Land zog. Für mich war die Phase der Akklimatisation zu kurz. Peter nahm den Dorsch vom Haken und warf ihn in den Eimer. Stephanie ergriff das Messer und schnitt dem Tier die Kehle durch. Der Fisch zappelte aber weiter und schnappte nach Luft. Kein schönes Bild. Zwar war die Hauptschlagader durchgetrennt, doch wie ein Huhn ohne Kopf wollte der Fisch noch keine Ruhe geben. Das ganze ist etwas gewöhnungsbedürftig, doch da schon bald der nächste Fisch am Haken hing, ging das schnell mit der Gewöhnung.

Bald auch schon merkte ich, wie sich etwas an meinem Haken in der Tiefe des Fjords verbissen hatte. Mir wurde leicht mulmig, doch ich holte den Silch ein. Währenddessen warnte ich meine erfahrenen Fischer schon, dass sie den Fisch vom Haken nehmen und töten mussten. Und da zappelte er auch schon: Ein schöner grosser Dorsch! Ihm widerfuhr dasselbe Prozedere wie Peters Fischen. Und da lag er: Mein erster selbst gefangener Fisch. Ich konnte es noch nicht recht fassen, fischte aber munter weiter. Schon nach kurzer Zeit hatte ich wieder einen am Haken. Wir hatten also eine gute Stelle gefunden, der Eimer füllte sich schnell und das Abendessen war gesichert.

Immer wieder mal hing also solch ein Dorsch an der Angel, Stephanie und Peter haben auch Makrelen erwischt. Mit der Zeit erträgt man das Gezappel der eigentlich getöteten Fische auch besser und die Lust, die Tiere bald auf den Grill zu werfen, wächst.
So fuhren wir denn auch zurück, Peter nahm unterwegs die Fische aus, was uns die Möwen als Begleiter sicherte. Ein Seeadler zeigte sich auch zwei Mal, doch anscheinend waren ihm unsere Fische nicht gut genug, nah ran kam er leider nicht.

Zuhause in Peters Haus warf der Mann den Grill an, die Frauen putzten die Fische und kochten. Kartoffeln mit frischen Makrelen vom Grill war das Menü, geschmeckt hat es vorzüglich!
Am nächsten Tag ging ich auf eine Wanderung und ass selbst gefischten Dorsch vom Lagerfeuer - unheimlich gut! Doch das ist eine andere Geschichte, Bilder und Details folgen ;-)

Montag, 12. Juli 2010

Oranje verblasst

Heute ist ein trauriger Tag. Holland hat gegen Spanien verloren. WM-Final 2010, Südafrika. 11 Oranjes gegen 11 Blaue, die eigentlich Rot sein sollten. Es stand nicht ganz so kritisch um meine Nerven wie damals, am 29. Juni 2008, als Spanien gegen Deutschland spielte. Damals unterstützte ich die Roten. Nicht aus Überzeugung, sondern aus Verzweiflung. Holland war damals zu früh gescheitert. Deutschland, naja, muss ich ja nicht erklären, den Nachbarn aus dem grossen Kanton kann ich keinen Sieg gönnen. Also Spanien.
Lange gings, bis Fernando Torres mich erlöste. Zu spät wars für meine Nerven, respektive meinen Sauerstoffhaushalt. Nur der leere Sack der Mikrowellen-Popkorn half gegen das Hyperventilieren.

Lebhaft ist mir das Spiel noch in Erinnerung. Und ich scheute mich vor einer Wiederholung. Zwar standen mit Holland und Spanien zwei Mannschaften auf dem Feld, welchen ich beiden den WM-Titel gönnte. Doch mein Herz schlug klar für die Käsköppe. Ich kleidete mich so orange wie nur möglich im Exil, doch es half alles nichts. Robben bewegte sich agil und sexy wie immer, schien aber keine Nerven zu haben. Sneijder, klein und flink, wollte heute nicht aus der Ferne einen Ball ins Netz donnern. Oder wollte und machte es nicht. Und ansonsten? Keiner da. Nur Stekelenburg grinste nach einer Glanzparade. Naja. Mit Grinsen, schön aussehen und grazilen Bewegungen wird man leider nicht Weltmeister. Ich dachte, die Oranjes hätten das begriffen. In allen Spielen in Seudafrika haben sie brav das Runde ins Eckige gemacht. Aber nicht heute.

Das Spiel ging in die Verlängerung. Meine Nerven. Und dann, ja dann kam Torres. Und er spielte wie immer an diesem Turnier: nicht überzeugend. Gut für mich, ich kam in keinen Gewissenskonflikt. Wobei, wäre ja auch eher ein Schönheitskonflikt gewesen. Ich hoffte, dass nicht er das Siegestor schiessen wird. Und dann wars Iniesta. Tammi. Warum? Robben verstand die Welt nicht mehr, ich sah umso klarer: 4 Minuten werden nicht reichen für den Ausgleich. Der Schiedsrichter liess auch nicht 5 Minuten nachspielen wie damals, am 16. Juni, als Spanien gegen die Schweiz spielte, die Schweiz 1:0 führte und der englische Unparteiische uns quälte. Aber schon da wusste ich, dass Spanien in eine Schmiergeldaffäre verwickelt ist und auch heute glaube ich, dass es so ist. Vielleicht ist es auch ein Wettskandal, so wie Robben Chancen vergab...

Die Blauen, die plötzlich doch die Roten waren, feierten, Casillas weinte wie ein Goof. Torres lag plötzlich nicht mehr am Boden, sondern konnte hüpfen und jubeln. Die Oranjes waren irgendwie nirgends mehr. Silber. Tammi. Warum? Ich mag Spanien den Sieg ja gönnen. Aber Holland hat nicht verdient zu verlieren. Nein, das Spiel war nicht schön, ja, sie haben zu viele von diesen komischen gelben Kartons gesammelt. Und der Mord-Tritt von De Jong, darüber müssen wir gar nicht diskutieren.

Beim Interview küsste Casillas seine Freundin, Journalistin Sara, vor laufender Kamera, und heulte gleichzeitig. Naja, professionell ist sowas ja schon lange nicht mehr. Also nicht der Kuss, das ganze Interview-Getue. Aber egal. In Spanien gelten andere Regeln als im Zürcher Oberland. Vielleicht auch ganz gut so.

Das Positive an diesem Abend? Ich weiss nicht. Sicher nicht die Kommentare von Mitluegerinnen, die etwas von Gool schrieen, wenn der Ball von aussen an das Netz flog. Auch nicht die spontane Abmachung mit meinem Fussball-Freund, bei einem Sieg Hollands nach Amsterdam zu fahren und bei einem Sieg Spaniens nach Barcelona inklusive Besuch eines Tschuttimatsches. Will ich ins Land des Weltmeisters? Eigentlich nein. Oder nur, wenn auch mindestens ein Holländer auf dem Platz steht. Barcelona - Bayern? Oder Inter? Der Spielplan wird mir die Entscheidung abnehmen.

Ein kleiner Trost ist der Schweizer Stolz. Wohl noch nie wurde die Schweiz als Fussballnation in einem WM-Finale so oft genannt. Ja, wir haben die Spanier geschlagen. Mit einem Abseitstor. Mit Glück. Wie genau, wissen wir eigentlich selber nicht. Aber es war gut, um die Spanioggel aufzurütteln und sie so ins Finale zu treiben. Mit der furia roja kann ich leben. Auch wenn ich immer noch hoffe, bange, und vor allem daran glaube, dass ich den Tag erleben werde, an dem Oranje Fussballweltmeister wird. Hup Holland!!!

Ps: Das schöne an Amsterdam ist ja, dass man keinen speziellen Grund braucht, um in die Grachten-Stadt zu fahren. Holland, ich komme!

Freitag, 9. Juli 2010

Moschtbröckli, Chäs und Schwyzertütsch, bitte!

Norwegen? Schweiz? Wo bin ich?
So ähnlich wie die beiden Länder sind, so gibt es doch einige gravierende Unterschiede. Das Thema also meines heutigen Blogeintrages.

Ich fühlte mich in Norwegen schon immer schnell zu Hause. Das war nicht anders, als ich dieses Jahr hierher kam im Wissen, dass ich die nächsten Monate hier verbringen werde.
Der Lebensstandard ist ähnlich hoch wie in der Schweiz, das Preisniveau dementsprechend auch. Wenn sich meine deutsche Mitbewohnerin über die hohen Fleischpreise im Supermarkt wundert, reibe ich mir die Augen, weil Fleisch so günstig ist. Zum Vergleich: Ein Kilo Schweinefleisch (vom Hals) kostet rund 11 Franken. Natürlich gibt es auch teureres Fleisch, doch solange wir beim Schweinefleisch bleiben, ist es etwa die Hälfte des Preises von Schweizer Fleisch. Abgepackt aus der Migros oder dem Coop wohlgemerkt. Rindfleisch ist rarer und teurer, für ein Kilo Entrecôte bezahlt man rund 40 bis 50 Franken.

Wesentlich günstiger ist natürlich Fisch. Von der Fischerei leben auch heutzutage noch die meisten Lofotinger (so die offizielle Bezeichnung der Inselbewohner). "Iss Fisch und kaufe norwegischen!" war einer der ersten Ratschläge eines Einheimischen. Lachs ist für rund 20 Franken pro Kilo zu haben, geräuchert und von sehr guter Qualität.
Nach wie vor esse ich aber lieber und öfter Fleisch als Fisch. Es ist auch kaum zu glauben, dass es wirklich noch genügend Dorsch im Meer haben soll, wenn man bedenkt, dass nur hier auf den Lofoten dieses Jahr 31 000 Tonnen(!!!) Dorsch gefischt wurden.

Doch nicht nur die Preise sind wie zu Hause, sondern auch die Menschen. Ich hatte mit meiner Einschätzung vom Tösstal Norwegens nicht so Unrecht. Zwar sind viele Leute hier aufgeschlossener als viele Schweizer, was wohl schon ein bisschen mit der Weite des Meeres zu tun hat, doch in vielen Belangen erinnern sie mich an die Heimat. Sie sind geradlinig und direkt, akzeptieren zwar Fremde, doch bis man wirklich dazu gehört, braucht es wohl viel.
Ich verstehe mich mit den Einheimischen bis jetzt sehr gut. Sie sind mir sofort gut gesinnt, wenn ich erzähle, dass ich ihr Land liebe und sie schätzen meine -  mitunter kläglichen - Versuche, ihre Sprache zu imitieren.

M-o-s-c-h-t-b-r-ö-c-k-l-i
Bis jetzt vermisse ich nicht viel aus der Heimat. Doch gestern hatte ich eine Deutsche an Bord, deren Schwester in Wald (AR!!) lebt. Dann meinte sie nur: Ich liebe Moschtbröckli. Ich fiel fast in Ohnmacht. Sofort hatte ich den Geschmack im Mund vom zarten Trockenfleisch. Den salzigen Geschmack, der nicht mehr weichen will, wenn man das Fleisch auf der Zunge zergehen lässt. Und seitdem denke ich jede Minute daran. In der Hölle schmoren soll diese Berlinerin, die wagte, dieses Wort auszusprechen! Ich lebe gut ohne Schoggi (wobei man hier auch Toblerone kaufen kann, was meine Nahrung während den Schweiz-Spielen war) und auch ohne Cervelats und Bratwürste. Aber Moschtbröckli. Heieieieieiei. Ähnlich schlimm ist es nur mich Chäs. Die Norweger haben ja keine Ahnung, wie Käse schmeckt. Ansonsten würden sie diese weisslichen Klötze milchigen Geschmacks nicht als Käse verkaufen. In einigen Supermärkten gibt es auch französischen Weichkäse (zum unglaublichen Schnäppchenpreis von 50 CHF/Kilo!!!), doch einfach nur Chäs, das gibt es nicht.
Was mir vorschwebt? Das ist ja wohl klar: Sternenberger Brie, Sternenberger Mutschli, Vacherin Mont d'Or, Senneflade, Arenenberger, Girenbader Hobelchäs, St. Paulin (weil bitz Normales auch sein muss), und natürlich wärs auch mal wieder Zeit für ein Raclette mit Sternenberger geräuchtert, mit Chili, Paprika und Nature.

Die Botschaft ist ja nun wohl klar: Jede(r), die/der mich besuchen kommt, muss ein bisschen Käse und Moschtbröckli schmuggeln. So schwer kann das ja nicht sein!

Herzlichen Dank schon mal im Voraus. Ich haue nun Spiegeleier in die Pfanne und träume von Älpler-Maccaroni.

Schwiiz, nöd Dütschland!
Was ich aber am schmerzlichsten vermisse, ist, Mundart zu sprechen! Immer dieses gehauchte Deutsch, das ist ja kein Leben! Unterdessen unterhalte ich mich auch mit den Deutschen lieber auf Englisch. Und ich entwickle bedenkliche Sympathien für Schweizer Touristen aus allen Kantonen. feng, bitz, chuum, mängisch, det, hoi, xundheit, mässi. Schöne Worte, die ich nicht mehr brauchen kann. Fluchen und Fussball kommentieren tu ich nach wie vor auf Mundart, was auf meine Umgebung mitunter unterhaltsam wirkt.

So, nun aber sind definitiv die Spiegeleier an der Reihe.

En guete!